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In tiefer Verneigung:

Klaus Werner Voß

(1953 – 2022)

Nach einem langen Tag voller BDFA-Verwaltungskram standen wir einmal in einer kleinen Kneipe beim Feierabendbier, und er erzählte. Das tat Klaus Werner stets gerne, insbesondere über den Filmklub Dortmund e.V., der sein ganzer Stolz war. Er erzählte auch davon, wie er das Zeichnen gelernt hatte, was ihm 1953 zweifellos in die Wiege gelegt worden war, oder wie er seine Faszination für den Film entdeckte. Natürlich ging es auch um jenen Traum, den viele von uns auf irgendeine Art und Weise kennen oder einmal kennengelernt haben: „Wir hatten uns doch alle einmal mehr gewünscht.“

Diese Aussage überraschte mich in seiner Ehrlichkeit und in seiner Schlichtheit, charakterisierte er doch deutlich den Bundesverband, dessen Präsident er zu diesem Zeitpunkt war. Kapitän und Steuermann eines bereits leicht schlagseitigen, aber immer noch fahrtauglichen Dampfers namens BDFA, begnadeter Künstler und Filmemacher. Wenn ich an Klaus Werner Voß denke, kommt mir das häufig in den Sinn!

Es ist kurz vor Sonnenaufgang. Verhüllte Gestalten mit hell leuchtenden Kerzen schreiten feierlich durch einen Wald. Alles ist mystisch und geheimnisvoll. Bedächtig bewegen sie sich fließend, begleitet von einer langen, unendlich ruhigen Kamerafahrt, aus der Dunkelheit hinaus in einen farbenfrohen und hoffnungsvollen Morgen. Jene Sequenz stellte die Zeichner Walt Disneys Ende der 1930er-Jahre vor ihre größte Herausforderung. Die gemalten Figuren bewegen sich extrem langsam und etwaige Unregelmäßigkeiten wären sofort aufgefallen.

In seinem Remake „AVE MARIA“ von 2013 kopierte Klaus Werner Voß diese Szene, „in tiefer Verneigung“ vor den damaligen Machern, in seinem unverkennbaren Stil so grandios, dass ihm selbst Oscar-Preisträger Thomas Stellmach bescheinigte, noch nie eine so sauber gemachte Restauration gesehen zu haben. „Disney würde sich die Finger ablecken, wenn Du ihnen ihre Filme für die heutige Jugend in Flash aufbereiten würdest.“ Vielleicht ist dieses Schlussbild aus „Fantasia“ (1940) eine der Schlüsselszenen, warum aus dem jungen Klaus Werner ein hervorragender und bemerkenswerter Trickfilmer geworden ist. Die Art der Montage, die Farben und das Motiv der Sonne lassen sich in einigen seiner zahlreichen Arbeiten wiederfinden. Viele Werke hat er in seinem Leben produziert, zahlreiche Auszeichnungen bis hin zum BDFA-Filmpreis erhalten.

Als Vorsitzender des wohl erfolgreichsten BDFA-Clubs in Deutschland, als erfahrener, erfolgreicher BFF-Ausrichter und als Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen übernahm Klaus Werner Voß nach dem plötzlichen Tod von Hansjoachim Stampehl den Bundesverband Deutscher Film-Autoren in einer Zeit, in der sich die ersten Gewitterwolken bereits dunkel am Horizont abgezeichnet hatten. Viele Dinge mussten reformiert werden. Dass der BDFA damals einen gelernten Graphiker an die Spitze als obersten Repräsentanten setzte, blieb dann auch niemandem lange verborgen. Innerhalb kürzester Zeit verpasste er dem Verband ein neues Gesicht sowie ein professionelles Erscheinungsbild.

Festivalmedaillen, Plakate und Werbematerial wurden auf Hochglanz poliert, vereinheitlicht und perfektioniert. Kurze Animationen als Festivaltrailer wurden Standard, besonders jene für die alljährlichen Deutschen Filmfestspiele waren nicht mehr wegzudenken. Klaus Werner Voß liebte Hollywood, rote Teppiche und ein bisschen Glamour. Mit dem „Obelisk“ bekam der BDFA schließlich einen Filmpreis, der in Rekordzeit zur begehrtesten Auszeichnung im BDFA avancierte. Selbst ein neues Verbandslogo hatte ihm der Verband zu verdanken, auch wenn Traditionalisten einen eindeutigen, filmischen Bezug vermissten.

Schon seit dem ersten Tag seiner Amtszeit war der Mitgliederschwund eines der zentralen Themen seiner Präsidentschaft, wenn auch die Situation damals bei weitem nicht so schwer war, wie sie es noch werden sollte. Festgefahrene, in die Jahre gekommene Strukturen, ließen sich nicht ohne größte Widerstände brechen. Immer wieder forderte er freundlich, aber mit Nachdruck, zur Generierung von Neumitgliedern auf. Die Parole zeigte in den ersten Jahren durchaus Wirkung, auch wenn sie den überwiegend demographisch verursachten Rückgang lediglich abmildern, nicht jedoch einhegen konnte.

2013 zog er die Reißleine und rief eine Gruppe junger Reformwilliger ins Leben, die neue Vorschläge erarbeiten sollte und der auch ich angehörte. Heraus kamen Neuerungen, welche die Infrastruktur der zentralen Dienstleistungen des Verbandes verschlankten, u. a. die Wettbewerbsreform. Rückblickend ein aufregender, ein schwieriger Prozess. Unstimmigkeiten im Vorstand führten 2016 nach 11 Jahren Amtszeit zu seinem Rücktritt als Vorsitzender. Dass ich sein Nachfolger werde, hatte auch er sich gewünscht. Bald darauf verstarb seine geliebte Ehefrau Marita, woraufhin er sich weitgehend aus dem Verbandsleben zurückzog. Nur noch selten konnte man ihn bei Veranstaltungen sehen. Klaus Werner Voß war der erste und einzige Vorgänger, den ich persönlich kennengelernt habe, und das erste Mitglied, das ich mit dem BDFA-Ehrenfilmpreis für sein Lebenswerk auszeichnen durfte.

Der Bundesverband Deutscher Film-Autoren e.V. ist ihm zu großem Dank verpflichtet, denn er hat ihn nachhaltig geprägt. Als dessen Präsident, als Filmemacher und Mitglied. Der Verband war für ihn immer eine Art Spielwiese, auf der sich jeder so frei wie möglich austoben können sollte. Sein verschmitztes, schelmisches Lächeln verriet dabei stets, dass ein Teil seines Herzens immer Kind geblieben ist. Dieses Herz hat am 18. Juni 2022 nach kurzer, schwerer Krankheit aufgehört zu schlagen.

Die vertrauliche Nachricht seines Todes erreichte mich in Harsefeld. Er hätte sicher nicht gewollt, dass die ausgelassene Stimmung der Deutschen Filmfestspiele erschüttert worden wäre, dafür hatte er die Veranstaltung zu sehr geliebt. Der enge Vorstandskreis gedachte seiner in tiefer Nacht, ein Moment, an den wir uns sicher für immer erinnern werden. Bei der Preisverleihung am nächsten Morgen glitzerte er mitten unter uns, in Form der höchsten Auszeichnung des Verbandes, die er einst entworfen hatte. Und wer zum Himmel schaute, entdeckte dort vielleicht sein verschmitztes, schelmisches Lächeln.

In tiefer Verneigung, lieber Klaus Werner: Danke für alles!

Marcus Siebler
Erster Vorsitzender und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Film-Autoren e.V.

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