Ein Leben für den Verband – mit Empathie für den Amateurfilm

Ehrenpräsident Dr. Eckart Stiehl – BDFA-Präsident 1991-1997

Nachruf auf einen echten Freund 

VON GERHARD COMELLI

In den sozialen Medien bringt es heute Status, wenn jemand sich Freunde gleich zu Hunderten zurechnen kann. Echte Freunde – so haben Sozialforscher herausgefunden – hat der Mensch allerdings nur zwischen drei bis fünf. Diese Freundschaften dauern dann in der Regel mehrere Jahrzehnte. Ich habe einen solchen Freund verloren: Am 24. November 2018 verstarb Dr. Eckart Stiehl im Krankenhaus Euskirchen – drei Monate vor Vollendung seines 80. Lebensjahres. Ein Freund ist nicht mehr da. Mir bleiben Betroffenheit und Trauer.

Dr. Eckart Stiehl bei der Eröffnungsansprache zur DAFF 1994 in Landshut (Foto: Bildarchiv Urban/LFVB)

1986 beim 1. Dortmunder Filmtag bin ich Eckart Stiehl erstmals begegnet. Wir saßen zusammen in der Jury. Mein erster Eindruck von ihm ist immer noch in mir lebendig: Selten – und das gilt bis heute – habe ich jemanden erlebt, der bei Filmbesprechungen den Autoren mit so hohem Respekt begegnete. Ich habe nie ein unbedachtes oder verletzendes Wort von ihm gehört. Er war treffsicher in seinem Urteil und konnte selbst kritische Dinge unglaublich sensibel auf den Punkt bringen. Was er sagte und wie er es sagte, bezeugte in jedem Moment, dass er den Amateurfilm liebt und sich auch intensiv in die Macher einfühlen kann.

Dr. Eckart Stiehl, Direktor am Geografischen Institut der Universität Bonn, kam über die Rheinbacher Schmalfilm- und Videofreunde zum BDFA. Zunächst als Mitglied, später als Clubleiter. Er war ein ausgezeichneter Fotograf, ein technischer Tüftler, und er hatte mit dem 16mm-Film auch den Spaß am bewegten Bild entdeckt.

Nie hatte Eckart Stiehl den Drang, im Vordergrund zu stehen. Er war bescheiden. Oft viel zu bescheiden, meine ich. Außerdem verkörperte er für mich das, was man allgemein als einen „feinen Menschen“ bezeichnet: integer, feinfühlig, verlässlich, sensibel, aufmerksam und in hohem Maß mit dem ausgestattet, was man heute Empathie nennt. Er konnte sich in andere hineinversetzen, sie verstehen und respektvoll mit ihnen umgehen. Auseinandersetzungen, Konfrontationen waren ihm zuwider. Er suchte den Konsens und versuchte immer zu vermitteln. Oft auf eigene Kosten.

Ein solcher Mann wird offensichtlich gebraucht, als sich – von verbandsinternen Querelen  begleitet – 1989/90 im BDFA das Ende der Ära Walterscheidt abzeichnet. Josef („Jupp“) Walterscheidt, BDFA-Präsident von 1962 bis1991, gilt nicht zuletzt angesichts seiner riesigen Verdienste als ein „Monument“ in der Geschichte unseres Verbandes. Hier liegt möglicherweise die Ursache dafür, dass einige gegen den vielleicht als übermächtig empfundenen Präsidenten rebellieren. Als im Februar 1991 bei der BDFA-Jahreshauptversammlung in Bad Hersfeld Präsident Walterscheidt für eine Wiederwahl nicht mehr zur Verfügung steht, wird Dr. Eckart Stiehl zu seinem Nachfolger gewählt. Er ist der einzige Konsens-Kandidat, der durch seine integre Persönlichkeit das Vertrauen aller bündeln kann und Hoffnung gibt, die Irrungen und Wirrungen zu beenden.

Auf den neuen Präsidenten wartet eine Menge Arbeit. Seit dem 1.1.1991 gehören die organisierten Amateurfilmer der fünf neuen Bundesländer (ca. 200) zum BDFA. Damit liegt in seinen Händen der rein handwerkliche Teil der Verschmelzung von zwei völlig unterschiedlichen Verbandskulturen in Ost und West. Das geht nicht so einfach wie das Umlegen eines Schalters. Parallel sucht er bewusst den Kontakt vor Ort, besucht Veranstaltungen der Landesverbände und Clubs und sucht das Gespräch mit Funktionsträgern, Autoren und einfachen Mitgliedern. Bei Veranstaltungen erweist er sich als brillanter Redner. Auch ohne Spickzettel trifft er immer den richtigen Ton und gewinnt schnell die Herzen der Zuhörer, weil er authentisch ist. Vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an bemüht sich der neue Präsident beharrlich um die Glättung der Turbulenzen des Walterscheidt-Konfliktes. Das braucht seine Zeit. Symbolisch ist dieses Ziel erreicht, als Dr. Stiehl 1994 Josef Walterscheidt die Urkunde der Ernennung zum Ehrenpräsident des BDFA übergibt. Eckart Stiehl lebt für den BDFA. Keine Arbeit ist ihm zu viel. So hat er während seiner Amtszeit auch die seinerzeit noch sehr restriktiv gehandhabte Gemeinnützigkeit für den BDFA erstritten sowie eine umfassende Überarbeitung der Verbandsstrukturen konsensfähig gemacht. Nicht alle haben ihm diese Arbeit leicht gemacht.

Bei der BDFA-Mitgliederversammlung am 15. Februar 1997 in Wetzlar kandidiert Dr. Eckart Stiehl – nach sechs Jahren Amtszeit – nicht mehr für eine weitere Präsidentschaft. Sein Nachfolger wird Hansjoachim Stampehl. Noch in der gleichen Versammlung wird Eckart Stiehl einstimmig zum BDFA-Ehrenpräsidenten gewählt. Teilnehmer berichten von einem „nicht aufhören wollenden Applaus“ und einem „sichtlich gerührten“ Eckart Stiehl.

In den folgenden Jahren bleibt er für den BDFA immer wieder ansprechbar und pflegt viele persönliche Kontakte. Einer davon ist ihm eine Herzensangelegenheit: Mit dem 1.3.1999 wird er Mitglied im Film- und Videoclub Landshut VHS. Doch im Laufe der Jahre geschieht langsam das, was man im Film eine Ausblendung nennt. Er zieht sich zunehmend zurück, weil die Gesundheit nicht mehr so recht mitspielt, aber wohl auch, weil ihm zu viel Aufhebens um seine Person unangenehm ist. Doch wer sich zurückzieht, wird auch schnell vergessen. So kenne ich kein Dutzend Leute im BDFA, die bis zuletzt Kontakt zu ihm gehalten haben. Und natürlich seine Tochter Judith.

Nun ist Dr. Eckart Stiehl von uns gegangen. Der BDFA hat nicht nur einen Ehrenpräsidenten, sondern auch einen wertvollen Menschen verloren. Und mir fehlt ein Freund. Mach’s gut Eckart! Man sieht sich.