Vom Verlangen und Begehren nach alten und neuen Geschichten

Die Deutschen Filmfestspiele 2017

TEXT: BARBARA ZIMMERMANN, FOTOS: MANFRED KRAUSE, HANS-WERNER KREIDNER

75 Jahre Deutsche Filmfestspiele! Welche Veranstaltung könnte für BDFAler interessanter sein? 750 Jahre Radolfzeller Stadtgeschichte am Bodensee! Welcher Ort, eingebettet in eine der wohl schönsten Landschaften Europas, könnte mehr Besucher anlocken? So machten sich vom 25. bis 28. Mai 2017 an die 200 Film-enthusiasten auf den mitunter weiten Anfahrtsweg zum westlichen Ausläufer des Bodensees, dem so genannten Zeller See, nach Radolfzell. Nach 1983 in Lindau und 1989 in Friedrichshafen fanden die DAFF bereits zum dritten Mal am Bodensee statt, der von Bayern, Österreich, der Schweiz und Baden-Württemberg eingerahmt wird.

Während eines Stadtrundgangs erfuhren wir, dass Bischof Radolf aus Verona (826 n. Chr.) neben einem Fischerdorf eine „Zelle“ mit Kirche erbaute. Dort, wo Radolfs „Zelle“ einst stand, be-
staunten wir am Marktplatz das gotische Münster und hörten, dass Radolfzell bereits 1100 die Markt- und 1267 die Stadtrechte erhalten hat. Durch Kopfsteinpflastergassen an mittelalterlichen Gebäuden wie Rathaus, Urkundenhäuschen, Alte Apotheke, Pulver- und Höllturm ging es vorbei entlang der Stadtmauer. Eine lebendige Reise im schönsten Sonnenschein durch vergangene Jahrhunderte.

Ausgezeichnet mit dem BDFA-Filmpreis: Doris und Cord von Restorff.

Bei der Eröffnungsfeier im Milchwerk, einem repräsentativen Kultur- und Tagungszentrum, das für uns vier Tage Austragungsort war und zu einem Stückchen Heimat wurde, sprach Walter Reichhart, Landesverbandsvorsitzender Baden-Württemberg und Hauptorganisator, von „… heiligen Hallen, in denen vor 30 Jahren noch Joghurt, Frischkäse und Quark produziert wurden.“ Oberbürgermeister Martin Staab drückte seine Freude aus, derart viele Filmbegeisterte in seiner Jubiläumsstadt begrüßen zu dürfen: „Ja, das hat unser Walter Reichhart geschafft, dieser sozial aktive Mann mit der Fähigkeit, die Gesellschaft zusammenzuhalten, nicht nur im BDFA, sogar in der Bodenseeregion.“ Ein gutes Beispiel sei Reichharts Nostalgie-Kino im Ort. Staab zitierte Claude Chabrol, der nur das eine Ziel gekannt habe, im Film die Geschichte der Welt zu erzählen. Nun freue er sich auf unsere Filmgeschichten auf der Leinwand, die – laut Hitchcock: „… was die Länge betrifft, nicht das Fassungsvermögen der Zuschauer überschreiten dürften.“ BDFA-Präsident Marcus Siebler: „Es war einmal eine Zeit, als man am wärmenden Kachelofen fasziniert den unglaublichsten Geschichten lauschte.“ Was damals der Kachelofen war, sei heute für uns das Milch-werk, denn das Verlangen nach Geschichten ist so alt wie die Menschheit selbst. Siebler sprach auch von den neuen BDFA-Strukturen, die es schwerer gemacht hätten, dass Filme weitergemeldet wurden. Er wolle alle mitnehmen und nicht nur Präsident der Besten sein. Unter Applaus und sanften Akkordeon-klängen, die uns mit musikalischen Filmtiteln verzauberten, endete dieser erste offizielle Teil.

Einer plus Drei. Die Leitung der Gesprächsrunde oblag wie seit vielen Jahren Bernhard Lindner, seit 1997 Vizepräsident des BDFA und auch des Weltfilmverbandes UNICA. Die Gesprächspartner an seiner Seite – zum ersten Mal zwei Frauen, ein Mann – kommen aus dem professionellen Bereich: Gerd Motzkus, Redakteur beim Südwestfunk Baden-Baden und Süddeutschen Rundfunk Stuttgart; Babett Ludwig kam 1995 zum Vogtland-Regional-Fernsehen als Redakteurin, später Dozentin in einer Medienakademie, heute Vertriebsleiterin der centerscreen GmbH Plauen; Naemi Reymann, Kommunikationsdesignerin, Art Direction Aus- und Weiterbildung für Agenturen, seit 2010 Designerin mit Schwerpunkt Kultur- und Umweltthemen. Bernhard Lindner: „Solch einen Damenüberschuss haben wir uns schon immer in den Jurys gewünscht.“

Festspielort der 75. DAFF: Kultur- und Tagungszentrum Milchwerk Radolfzell.

Filme am Donnerstag. Der Spielfilm Reise nach Nirgendwo von Thomas Scherer erzählt die Geschichte des Lastwagenfahrers Bernhard, mit immer wieder neuen Überraschungen. Kaum hat er die Beisetzung seines Nachbarn hinter sich, bittet ihn eine junge Anhalterin um eine Mitfahrgelegenheit, und die psychologischen Spielchen zwischen den beiden beginnen. Für Bernhard wird es der merkwürdigste Trip seines Lebens. Die junge Frau mit langer, dunkler Perücke hat Krebs, ist Bankräuberin, weiß nicht, wo sie hin will. Gegen Ende steigt sie einfach aus, geht über eine Wiese davon und wirft die Perücke, sowie ihr Leben hinter sich, ohne sich noch einmal umzudrehen. Bernhard findet auf dem Sitz neben sich die von ihr geraubten Geldscheine. Ein wunderbarer Einstiegsfilm für ein Festival, so die Gesprächspartner: ganz großes Kino. Da stimmte alles: Schnitt, Timing, Kameraeinsätze, Dialoge.  

Ein eher zurückhaltend gezeichneter Trickfilm ist Eine Minute Freiheit von Horst Orlich. Den Zeichnungen liegt der philosophische Text frei nach G. Danzer zugrunde: „Neulich ging ich in den Zoo … vor einem Käfig sah ich Leute steh’n … ich frag, was ist das für ein Tier? Das ist die Freiheit, sagt man mir. Ich schau, ich seh’ nichts mehr … der Käfig leer … Hinter Gittern geht sie ein, denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.“ Die Gesprächspartner: … ein Gedicht, durch reduzierte Aquarellzeichnungen wie Wolken, Sonne, und Käfigstangen animiert. Der Film hat Tiefgang, hallt nach, ein typischer Orlich-Film, der mit einfachen Mitteln große Wirkung erzielt. Horst Orlich, der nicht anwesend sein konnte, ließ ausrichten, wie viele tolle Filmer er kennengelernt und wie sehr er den BDFA in langen Jahren seiner Mitgliedschaft schätzen gelernt habe.

DAFF-Ausrichter Walter Reichhart beim Empfang des Oberbürgermeisters Martin Staab (l.) mit BDFA-Präsident Marcus Siebler (r.).

Der Dokumentarfilm 123,5 Lünen-Lippeweiden von Uwe Koslowski (Filmpreis) berichtet von der Faszination des Fliegens und zeichnet einen Tag bei der Flugsportgruppe Lünen-Lippeweiden auf. Hauptdarstellerin ist die junge Norina mit ihrer Begeisterung für das Hobby des Segelfliegens. „Ich kenne nichts Schöneres, schon mit 14 Jahren habe ich mit der Ausbildung angefangen“, sagt sie. Der Vater habe ihr alles beigebracht, zum Beispiel, dass die Sicherheit an oberster Stelle steht und das Vertrauen in die anderen Flieger ganz wichtig sei. „Fliegen ist nichts Alltägliches, wer kann schon die Welt bei Ausübung seines Hobbys von oben betrachten!“ Die Gesprächspartner waren voll des Lobes. Der Einstieg sei schnell und intensiv gewesen, die volle Konzentration der jungen Frau im Cockpit mit Händen spürbar – ein perfekter Beitrag für ein Magazin-Programm. 

Der Spielfilm SAMA SŁODYCZ – Pure Süße von Dave Lojek und seinem Team (Filmpreis und Weitermeldung zur UNICA 2017) erzählt von einem jungen, verzweifelten Bäcker, der sich wegen zahlreicher Diebstähle bestimmter Backwaren in seiner Werkstatt an eine Detektivin wendet. Die Jury hebt das Mienenspiel der beiden Protagonisten hervor, die gelungene Körpersprache und die leise, anrührende Geschichte, deren Geheimnis erst am Ende offenbart wird. Ein Zweipersonenstück mit grandioser Wirkung.

Der Naturfilm Im Reich des Laubfroschs von Frank Lauter (Weitermeldung zur UNICA 2017, Sieger der Publikumswertung) gibt dem Zuschauer einen Einblick in das Leben dieser vom Aussterben bedrohten europäischen Tierart. Da heißt es: „Krawall schlagen macht erst nachts
so richtig Spaß … Die Konzerte setzen bei Sonnenuntergang ein und enden erst nach Mitternacht …“
Wir erfahren, dass ein kleiner männlicher Frosch fünf cm groß und zehn Gramm schwer wird, dass er mit seiner Schallblase eine Lautstärke bis zu unglaublichen 90 Dezibel erreicht und zwei Kilometer weit von Weibchen zu hören ist. Und wenn er schlafen geht, klemmt er sich bäuchlings an ein Blatt, greift mit den Haftscheiben seiner dünnen Finger um dessen Ränder und deckt sich damit zu – nahezu unsichtbar für andere. Ein herzallerliebster Winzling, von dem nur einer unter 1.000 das Erwachsenenalter erlebt. Die Gesprächspartner: Naturfilmer sind Dickbrettbohrer, die sich Stunde um Stunde, wie hier geschehen – im Wald und Matsch aufhalten. Dieser Film hat einen aufschlussreichen, gut gesprochenen Text mit Mut zu Pausen, die Bilder sind außergewöhnlich von diesem kleinen Tier – ich esse nie wieder Froschschenkel!

Zuschauervotum beim Minuten-Cup.

Halbtagesausflüge am Freitag. Fast jeder kannte die Blumeninsel Mainau. So war die Wieder-sehensfreude groß, zeigten sich doch neben exotischen Bäumen und vielen blühenden Pflanzen die Pfingstrosen in voller Pracht. Der Park rund um den Schlosshof bot wunderbare Blicke über den Bodensee mit seinem tiefblauen Wasser, auf dem weiße Segler ihre Bahnen zogen. Die Kameras standen nicht still. Der zweite Ausflug ging zu einer der größten Festungsruinen, der Feste Hohentwiel in Singen. Der extrem steile Aufstieg über rutschiges Kopfsteinpflaster wurde zur echten Herausforderung, der nicht alle Filmfreunde gewachsen waren. Die aber, die durchhielten, wurden mit einem atemberaubenden Rundumblick belohnt. 914 erstmals erwähnt, zählt Hohentwiel zu den ältesten Höhenburgen. Im 10./11. Jahrhundert war sie Sitz schwäbischer Herzöge, danach sank ihr Ansehen zu einer gewöhnlichen Ritterburg. Dann kamen die Herren von Württemberg und knüpften an die große Geschichte an.

Filme am Freitag. Aus dem Programm „Junger Film“ vom FiSH sind zwei Kurzfilme besonders erwähnenswert.  Der Spielfilm Tim & Tom von Lutz Gottschalk (Weitermeldung zur UNICA 2017) erzählt von zwei Brüdern, die kurz davor stehen, eine Tankstelle auszurauben. Sie gehen ihren Plan ein letztes Mal im Auto durch. Dabei läuft einiges gründlich schief. Diese Szenen reizten das Publikum zu Gelächter. Und die Frage am Schluss, ob den ungeübten Räubern der Überfall dennoch gelingen konnte, wurde unter noch lauterem Gelächter beantwortet.

Im Spielfilm Zerreißprobe des Jungregisseurs Moritz Göbel, entstanden im Rahmen des Projekts „Filmreif“ in Wiesbaden (Weitermeldung zur UNICA 2017), lernen wir die junge, schüchterne Sophie kennen, die ein Geheimnis mit sich herumträgt, das sie vor allen verbirgt. Aus Interesse an einem Jungen aber fasst sie den Mut, dazu zu stehen, unerschrocken dieses Geheimnis zu präsentieren.

Die Gesprächsrunde mit Bernhard Lindner, Naemi Reymann, Gerd Motzkus und Babett Ludwig (v.l.n.r.).

Der wohl längste, außergewöhnlichste, tiefgründigste, verrückteste Film dieser DAFF mit satirischen Bezügen zu unserer Zeit ist Das Ende der Zukunft (Filmpreis) von Harald Scholz. Eine düstere Vision eines totalitären Regimes. George Orwell lässt grüßen. Über die Präsidenten Reagan, Bush Junior und Trump flattert in irrwitziger Geschwindigkeit die amerikanische Flagge. Außer Englisch sind sämtliche Sprachen abgeschafft. Die Todesstrafe ist über Raucher, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige verhängt, doch nicht nur über sie. Jeder versucht seinem baldigen, unausweichlichen Ende zu entgehen. Der Zuschauer taucht staunend ein in ein absurd gestaltetes Haus des Sterbens, dessen Hausherr, der Tod höchstpersönlich, seine Kandidaten mit Hilfe einer digitalen Dame überwacht und drangsaliert. Harald Scholz aus Wien, BDFA-Mitglied im Hamburger Filmclub, hat in zwei Jahren intensivster Filmarbeit ganz allein dieses One-Man-Movie hergestellt, über das man nur staunen kann. Er ist in alle bizarren Kostüme und somit in die Rollen seiner Protagonisten selber geschlüpft, die da sind: Soldaten, Wissenschaftler, Admiral, Kardinal, alte Frau, einbeiniger Kriegsveteran, Hausmeister, Guantanamo-Häftling, Hippie, Geheimdienstler, Polizist, Sheriff und ein digitaler Dr. Zerberus ohne Gnade, der die für ihn gläsernen Todeskandidaten verbal seziert. Für dieses Werk hat der Filmemacher sein ganzes Haus umgebaut. Auf meine Frage, warum er sich von Filmfreunden nicht habe helfen lassen, so wäre doch für ihn alles leichter, antwortete er: „Ich bin kein Mensch, der mit anderen Leuten zusammen arbeiten kann. Denen würde die Geduld mit mir ausgehen.“ Chapeau, Herr Scholz!

Der Film Mein Kind von Thomas Miccolis (Weitermeldung zur UNICA 2017) ist ein modern gestaltetes Musikvideo über die Band „Punch’n Judy“. Der Zuschauer wird förmlich hinein gesogen in die Welt der Märchen, hier Rapunzel. „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hole ich der Königin …“ Die Macht der Musik ist überdeutlich spürbar.

Der Reportagefilm IMBISS von Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt (Filmpreis und Weiter-meldung zur UNICA 2017) erzählt von der Insel Lesbos, auf der eine griechische Familie einen florierenden Kiosk betreibt – eine Kraftanstrengung den ganzen Tag über, sieben Tage lang in der Woche. Stress, Überforderung werden erst gegen Abend sichtbar, doch die Familie hält durch. Ihre einzigen Kunden sind Flüchtlinge aus Krisengebieten des mittleren Ostens, die dringend auf ihre Hilfe angewiesen sind.

Preisträger. Harald Scholz gewann einen der sieben Obelisken.

Der Zeichentrickfilm Schafe zählen des 14-jährigen Cedric Dolassek (Weitermeldung zur UNICA 2017) befasst sich mit dem Problem des Einschlafens. Die Geschichte läuft mit schön hintereinander über einen Zaun springenden Schafen fast gemächlich auf das Ende zu. Unter der einlullenden Melodie „Weißt du wie viel Sternlein stehen …“ döst man (trotz der Kürze von zwei Minuten) als Zuschauer fast von selber ein. Doch dann geschieht es! Das völlig überraschende Ende schreckt uns alle wieder auf. „Du wolltest mal uns alte BDFAler so richtig erschrecken, stimmt’s?“ fragt Marcus Siebler lachend den jungen Filmemacher auf der Bühne. „Och nö“, sagt Cedric, „ich konnte abends mal nicht einschlafen, da kam mir die Idee.“ Marcus Siebler: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass du uns in Zukunft noch öfter erschrecken wirst.“  

Der Minuten-Cup. war auch dieses Mal wieder Publikumsmagnet, lud die Zuschauer ein, selbst über Weitermeldung und Preisfindung der kurzen Filme zu bestimmen. So vergaben sie an den Film Ausfahrt freihalten von Reza Shakory einen 2. Preis und die Fahrkarte zur UNICA 2017. Der Film behandelt ein leidiges Thema: die Suche nach einer passablen Parklücke, die hier auf die Spitze getrieben wird – bis zum überraschenden Ende. Sahneschnittchen von Dr. Frank Dietrich (1. Preis und Weitermeldung zur UNICA 2017) erzählt von zwei Freundinnen in einem Café. Eine redet sich um Kopf und Kragen. Vor einem möglichen körperlichen Angriff und einer Kreischattacke versteckt sich ein Hund vorsorglich unter dem Tisch.

Filme am Samstag. Der Dokumentarfilm Robertina von Doris und Cord von Restorff (Filmpreis und 3. Platz der Publikumswertung) nimmt uns mit in den Süden Venezuelas. Im Urwald lebt der Indianerstamm der Enepa. Ihm gehört Robertina an, eine junge Frau, die in T-Shirt und Jeans aus einem kleinen Flugzeug steigt. Sie kommt aus der Stadt, in der sie Medizin studiert. Nach dem Examen will sie eine Krankenstation aufbauen. Die Dorfbewohner begleiten sie zu ihrem Elternhaus, ein Langhaus, in dem zwölf Familien leben. Robertina schlüpft in bunte Perlenketten und ihren Lendenschutz. Der Festschmaus besteht aus gekochten Fischchen und Maden. Schon bald muss Robertina wieder Abschied nehmen. Ich komme bald zu euch zurück, verspricht sie, denn nur hier bin ich glücklich. Erstaunlich ist der Einblick in das Alltagsleben der Enepa, das uns die Autoren durch ihre Bilder liefern.

Das Inselporträt La Palma – ein kleines Paradies von Gerhard Amm (Filmpreis) ist eine Liebeserklärung an die Insel der Kanaren. Der Film nimmt den Zuschauer vom ersten bis zum letzten Bild mit auf eine Reise und zieht ihn durch Szenen, Ton und Kommentar völlig in seinen Bann, sodass der Wunsch entsteht: Da will ich auch mal hin.

Genau so ist auch die Wirkung auf den Zuschauer beim Reisefilm Zu Gast im hohen Altai von Toni Ackstaller. Der Autor begibt sich mit seiner Frau auf eine Jeeptour durch die Mongolei in eine für uns fremde Welt. Mit der einzigartigen landestypischen Kehlkopfmusik einer sechsköpfigen Musikgruppe beginnt der Film. Das erste Bild, die ersten Klänge – schon ist man drin im Thema und will mehr sehen, immer mehr – bis zum Schluss.

Peter Schellhorn gelingt in seinem Reisefilm Den General muss man essen ein anderer Trick, der die Zuschauer in seinen Bann zieht. Nämlich einen berühmten Mann, den großen Philosophen Konfuzius, zu zitieren, gewissermaßen herbei zu zitieren und seine bekannten Statements von einst mit reichlich Augenzwinkern – sozusagen süß-sauer – mit den Bildern vom heutigen Leben und Treiben in China zu unterlegen und zu vergleichen. So wird es auch für Zuschauer zu einer aufregenden Reise durch China mit Konfuzius im Handgepäck. Die erfrischende Filmreportage Wo die Uhren langsamer gehen von Günter Liedmann aus Soest berichtet über ein Schulprojekt der ganz besonderen Art. Ein Zirkus hält mit seinen pädagogisch geschulten Trainern Einzug in den Schulalltag. Die Kinder lernen zu jonglieren, sich zu konzentrieren, zu reiten, das Gleichgewicht auf übergroßen Bällen zu halten, auf dem Seil zu tanzen, sich als Clowns gewollt ungeschickt zu bewegen, z.B. zu stolpern, hinzufallen, ohne sich weh zu tun. Was für aufregende, lustige und erfolgreiche Schulstunden müssen das gewesen sein, die den Schülern auf spielerische Weise das Selbstbewusstsein gestärkt haben!

Begeistertes Filmpublikum im Saal des Tagungszentrums.

Eines von zahlreichen Schmankerln. Die Autoren wurden von BDFA-Präsident Siebler, nachdem ihr Film gelaufen war, auf der Bühne vorgestellt. Das ist gut für alle, denn dann kennt man sie endlich. Siebler: „Haben Sie gewusst, Herr Liedmann, dass ich als Kind mal Zirkusdirektor werden wollte?“ Großes Staunen und Raunen, dann Gelächter im Saal, an den sich Siebler jetzt mit den Worten wendete: „Jetzt bin ich es geworden.“

Der Gala-Abend ist ein weiterer Höhepunkt jeder DAFF. Hat man doch endlich Zeit, beim festlichen Menü mit seinen Freunden an einem Tisch zu sitzen, sich bedienen und es sich wohl sein zu lassen und ein letztes Mal die Gedanken auszutauschen. Doch immer schleicht sich auch Wehmut ein,
weil ein schönes Großereignis zu Ende geht. Dieses Mal schaffte es Musik und Tanz: ein Über-raschungsauftritt einer Gruppe Bauchtänzerinnen in exotischen Kostümen. Auch wurden an diesem Abend wohlverdiente Preise verliehen. So ging der BDFA-Ehrenfilmpreis an Adalbert Becker und seine Lebensgefährtin Barbara Bernauer (†) aus Bayern für ihr langjähriges Engagement. Die Medaille des Weltfilmverbandes UNICA erhielt für besondere Leistungen unser Vizepräsident des BDFA, Bernhard Lindner. Auch die Jury und Ausrichter Walter Reichhart und sein kompetentes Team erhielten kräftigen Applaus.

Filme, Filme, Filme. Ich hätte so gern noch weitere Produktionen erwähnt, wie den Naturfilm Masuren – Natur erleben von Werner Rohlmann (2. Platz Publikumswertung) oder den besinnlichen Film Das wollte sie nicht … von Margot Kühn, der mit dem BDFA-Special-Award ausgezeichnet wurde. Besonders berührt hat mich der sehr persönliche Film Tante Anna und ein Schloss von Elmar Maurus, der vom Schicksal seiner Tante Anna Geiß berichtet, einer von mehr als zehntausend nach einem Unfall behinderten Menschen, die 1940 auf Schloss Grafeneck vergast wurden. Auch die Filmdokumentation über diese Zeit, Auschwitz – Von Massenmördern und Touristenmassen, ein Schülerprojekt am Gymnasium Bergschule Apolda hätte es noch verdient gehabt. Die drei jungen Autoren aus Thüringen Paula Preller, Janine Mokbel, Alexander Offen waren anwesend. Ebenso beim Film Geborgene Zwischenräume (Filmpreis) von Ute Pohl und Gerhard Böhmler wäre eine längere Beschreibung über die beschwerliche Realisierung einer Freilicht-Skulptur aus verrosteten Stahlträgern angemessen gewesen. Im Fokus müsste auch der aufwändig gestaltete, gut verständlich angelegte Spielfilm Spielen von Marcus Siebler stehen, denn besser geht es nicht. Doch wo soll man anfangen, wo aufhören? Die meisten der 46 Filme sowie der acht Minutenfilme muss ich unerwähnt lassen.

Film-Matinee am Sonntag. Noch einmal Dank und viel Lob an unsere gastfreundlichen Baden-Württemberger Filmfreunde sowie Marcus Siebler, der bis zum Schluss aufbauende Worte fand:
 „So vielfältig der BDFA ist, so vielfältig hat er sich in den letzten Tagen vorgestellt. Wir konnten beobachten, wir konnten lernen. Daraus gewinnen wir unsere Stärke für die Zukunft“.

Es scheint, einen neuen Trend zu geben oder habe ich ihn mir nur eingebildet? Zumindest habe ich diesen beunruhigt erahnt. Er scheint sich in Richtung „noch kürzerer Kurzfilm“ zu bewegen, wobei er doch hoffentlich nicht in Belanglosigkeit abdriftet? Bleiben etwa umfangreichere Themen mit Tiefgang – bis auf wenige Ausnahmen – in Zukunft auf der Strecke und wenn ja, warum? Wegen Vorschriften, die Zeitmangel im Minutenbereich nach sich ziehen? Diese Entwicklung unserer Filmkunst wäre keine gute. Wir sollten ein Auge darauf haben!